
Angelika und Stefan Pfaff-Körber haben ein Hilfsprojekt für die Ukraine geschaffen, das sich besonders um Waisenkinder kümmert. Im Februar kam es zu einer ersten Reise ins Krisengebiet.
Von Armando Bianco
aktualisiert am 17.04.2026
Setzt sich für Waisenkinder in der Ukraine ein: Angelika Körber aus Grabs bei ihrem Besuch in Lwiw.
A.Full-Flow.org
«Keinerlei Bezug zur Ukraine» hatten Angelika und Stefan Pfaff-Körber vor der ersten Reise im vergangenen Februar in das Land. In Lwiw (Lemberg) wollte sich Angelika Körber persönlich ein Bild von dem machen, was sie und ihr Mann seit mehreren Jahren in Medien gehört, gelesen und gesehen haben. Sie stellten sich den Anspruch, hinter diese Kulissen zu blicken und selber zu erleben, wie es um Menschen in den vom Krieg überzogenen Regionen der Ukraine steht.
Beide leben und arbeiten seit 2023 in Grabs. Einen grossen Teil ihrer Freizeit setzen sie für das kürzlich gegründete Hilfsprojekt Full-Flow ein. Sie haben sechs Kinder, die in der Schweiz und Deutschland arbeiten und studieren.
Was war der Antrieb, persönlich in die Ukraine zu reisen?
Angelika Körber: Reportagen, beispielsweise aus Kiew, wirkten auf mich und meinen Mann teilweise wie ein Normalzustand mit Verkehr auf den Strassen und Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Zwar haben wir auch gesehen, wie schlimm es mutmasslich um Soldaten, Zivilisten und Kinder steht, ansonsten gab es nur Bilder von der Front zu sehen. Bis zu dem Tag, als ich ein Telefonat einer ukrainischen Bekannten mitbekommen habe. Es wurde über Bombardierungen und Todesfälle gesprochen, aber eher im Westen der Ukraine, was kaum präsent war. Da entstand die Idee, helfen zu wollen. Wir haben uns gesagt, dass wir das nur machen wollen, wenn wir persönlich erfahren können, was es wirklich braucht und wo wir uns einbringen können.
Was haben Sie vor Ort gesehen?
Meine Erfahrungen zeigen, dass sich täglich Hunderte von Menschen aus der Ostukraine mit Sonderzügen in den westlichen Teil des Landes aufmachen. Dort sucht man Schutz vor dem Krieg. Allerdings kommt der Krieg langsam näher. Die Zerstörung durch Krieg und Beschuss ist allgegenwärtig. Noch präsenter ist jedoch die Angst der Menschen – eine Angst, die nie ganz verschwindet. Familien, die alles verloren haben, leben in Containerdörfern. Kinder wachsen in Unsicherheit auf. Verwundete Soldaten kämpfen sich nach dem Verlust von Gliedmassen Schritt für Schritt zurück ins Leben.
Was war anders als das, was Sie zuvor gehört, gesehen und gelesen haben?
Als Europäerin in einem Kriegsland zu stehen, ist schon ein sehr grosser Unterschied zu dem, was man in öffentlichen Medien sieht. Es ist ein beklemmendes Gefühl, die Beisetzungen von jungen Soldaten zu sehen, Tausende von ihnen liegen auf den Friedhöfen. Ich habe ein Containerdorf der Hilfsorganisation der Salesianer Don Boscos besuchen dürfen und wurde sehr herzlich empfangen. Dort leben rund 350 Menschen zusammen. Ein Container für vier Personen ist rund zweieinhalb Meter breit und sechs Meter lang. Heizung und Strom gibt es nur stundenweise.
Wer lebt im Containerdorf?
Es leben Menschen dort, die an der Front oder im unmittelbaren Kriegsgebiet ganze Familien und ihre Existenzgrundlage verloren haben. Die Menschen dort bekommen einmal am Tag eine Mahlzeit, die dann von den Bedürftigen sogar noch einmal für den Abend geteilt wird. Die Not ist gross. Dabei könnte man eine Person gut ernähren und versorgen mit einer Spende von 60 Franken monatlich.
Das Leid der Kinder hat Sie offenbar besonders berührt.
Ja, besonders das der Vollwaisen, die ihre Eltern und auch Verwandte im Krieg verloren und keine Heimat mehr haben. Die Salesianer Don Bosco haben den Kindern und ganz jungen Veteranen in Lwiw eine Heimat geschaffen. Aber auch hier fehlt es an finanziellen Mitteln.
Hier setzen Sie mit dem Projekt Full-Flow an.
Genau, in mir ist unter anderem die Idee entstanden, Patinnen und Paten zu finden, die ein Kind unterstützen möchten. Mit einer Patenschaft ist der persönliche Kontakt möglich per Videocall, Telefonaten oder Briefen. Die monatliche Spende bekommt so ein Geburtsdatum, ein Gesicht und eine Geschichte. Die Kinder sind zwischen drei und 18 Jahre alt.
Wie erleben Sie diese traumatisierten Kinder?
Sie sind offenherzig, der Wunsch nach einer liebevollen Familie ist gross. Es sind Kämpfer, die viel Liebe entgegenbringen. In den Medien geht es oft um Waffen und Kampfhandlungen an der Front. Das grosse Leid der Zivilbevölkerung geht dabei unter. Etwas stört mich dabei besonders.
Das wäre?
Ein grosser Irrtum ist, man müsse Lebensmittel in der Schweiz teuer kaufen, um diese in die Ukraine zu bringen, was viel kostet. Tatsache ist, dass genügend Waren und Lebensmittel in der Ukraine vorhanden sind, aber die finanziellen Mittel für viele Menschen ganz und gar nicht reichen.
Was symbolisiert der Name Full-Flow eigentlich?
Der Name ist quasi Programm. Full-Flow heisst Durchfluss und steht als Synonym dafür, dass jeder gespendete Rappen ohne Abzug am Ziel ankommen soll. Es gibt keine Umwege und keine versteckten Kosten. Die Reisen in die Ukraine werden von uns privat getragen, ebenso die Erstellung der Website, die Administration und alles Weitere. Mit den Spendengeldern kaufen wir vor Ort ein, beispielsweise Lebensmittel. Somit stärken wir Arbeitsplätze und den Handel in der Ukraine.
Von wem wird das Projekt getragen?
Derzeit besteht Full-Flow aus mir und meinem Mann sowie meiner ukrainischen Freundin Olena aus Grabs, die sich um Telefonate und Übersetzungen kümmert. Kirchengemeinden aus der Region Werdenberg haben ihre Unterstützung zugesagt bzw. prüfen derzeit konkrete Umsetzungen von Hilfsleistungen. In Lwiw unterstützen Don Boscos Salesianer das Projekt. Wir bauen derzeit auch Kontakte zu öffentlichen Medien auf und haben beispielsweise auch Red Bull kontaktiert. Der Plan ist, weitere Unterstützung in der Schweiz, Österreich und Deutschland zu mobilisieren. Aktuell sind wir nicht mit anderen Hilfsorganisationen vernetzt, stehen dem aber offen gegenüber.
Wer und wie wird garantiert, dass die Spenden effizient vor Ort eingesetzt werden?
Wir garantieren persönlich dafür, die Spenden fliessen ohne Umwege zu den Bedürftigen, das in Zusammenarbeit mit den Salesianern Don Bosco. Als noch junge Organisation ist es zu früh, um schon ein Zertifikat nachweisen zu können, darum ist es ein Stück weit natürlich auch Vertrauenssache. Wir bemühen uns aber um grösstmögliche Transparenz durch entsprechende Kommunikation. Bei den Patenschaften gibt es Abrechnungen für die Paten, für das Containerdorf gibt es Nachweise, was an Lebensmitteln gekauft wurde. Und gerne betone ich nochmals: Wir wollen nicht Zuwendungen an Organisationen leisten, bei denen Spenden für Verwaltung, Administration, Löhne und Dienstleistungen eingesetzt werden. 100 von 100 Spendenfranken sollen dort ankommen, wo es bitter nötig ist.
Woher schöpfen Sie die Kraft für dieses beanspruchende Hilfsprojekt?
Der Gedanke an die Situationen, denen diese Menschen täglich ausgesetzt sind, treibt mich voran. Ich trage auch die Hoffnung auf Frieden in mir, dadurch hat sich mein Glaube, der mir Kraft gibt, gefestigt. Spaziergänge im Wald in Grabs und der Umgang mit unseren Tieren geben Ruhe und Zufriedenheit. Gute Gespräche mit Freunden und der Familie runden die Ruhephasen ab.
Welche Zukunft sehen Sie für die Ukraine und speziell das Gebiet, in dem Sie tätig sind?
Lwiw ist die grösste Stadt der Westukraine. Wie eingangs erwähnt, merkt man, dass der Krieg näherkommt. Das Leben bahnt sich auch hier seinen Weg, jeder, der noch eine Arbeit hat, geht ihr nach, die Geschäfte können den täglichen Bedarf bedienen. Ich würde behaupten, dass gerade diese Region wieder zum Motor der Zukunft in der Ukraine werden kann.
Infos und Spendenkontakt unter der Website full-flow.org